| Ich bin bildende Künstlerin. Vor siebeneinhalb Monaten, im Alter von 42 Jahren, habe ich mein erstes Kind geboren. Luca kam in Paris zur Welt. Einige Monate später zogen mein Partner, Luca und ich nach Berlin. Zurzeit unterrichte ich an der Bauhaus-Uni in Weimar.
Vor Lucas Geburt führte ich ein Nomadenleben. Diese Lebensweise war für mich so selbstverständlich wie alternativlos. Jetzt aber frage ich mich, warum dies so war, und was es für mich bedeutet. Welchen Einfluss hatte dieses Leben auf mich? An vielen Orten daheim zu sein ist fast wie nirgendwo daheim zu sein. Heimatlosigkeit wurde zu meinem zweiten Selbst, mit allen Privilegien und Belastungen, die dieser Zustand mit sich bringt. Habe ich aber das Recht, ihn auch Luca zuzumuten? Und wohin hat mich dieser Weg geführt?
Bevor ich nun möglicherweise sesshaft werde, scheint mir ein Rückblick auf die geografischen und auch inneren Bewegungen meines bisherigen Lebens notwendig. Als ich meine Heimatstadt verließ, war ich 24 Jahre alt. Jetzt, fast 20 Jahre und zwei geschiedene Ehen später, möchte ich mir über den von mir zurückgelegten Weg Rechenschaft ablegen, um zu begreifen, wohin die Reise ging.
Diese Reise möchte ich nun noch einmal machen und auf filmische Weise durch einen Road Movie dokumentieren.
Womöglich stellt sich am Ende heraus, dass ich nirgends heimisch werden kann.
Ich wurde 1967 in Sarajewo geboren. Im Alter von zweieinhalb Jahren zog ich mit meiner Familie nach München. Nach sechs Jahren kehrten wir nach Sarajewo zurück. 1991 bekam ich ein Stipendium für einen Studienaufenthalt in Paris. Aus geplanten acht Monaten wurden acht Jahre.
1999 ging ich für zweieinhalb Jahre zurück nach Sarajewo und zog dann im Rahmen eines Künstler-Austauschprogramms nach Zürich. Danach lebte ich wieder in Paris. Inzwischen waren meine Eltern nach drei Jahren Krieg wieder nach München zurückgekehrt. Sie kauften eine Zweitwohnung im kroatischen Städtchen Pula, wo sie jedes Jahr sechs Monate lebten und ich die Sommer verbrachte. Pula war auch mein erster Aufenthalt auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens, als ich ihnen bei der Suche nach einer Wohnung half. Der Krieg war zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu Ende, und die Wohnung war als Zufluchtsort gedacht, für den Fall, dass eine Rückkehr nach Sarajewo in Zukunft nicht möglich sein würde.
Der Film wird uns zu den folgenden Städten führen:
- Paris, wo ich mit Unterbrechungen 15 Jahre lebte und mein Sohn geboren wurde.
- Zürich, wo ich ein Jahr lebte und jetzt mit einer Galerie arbeite.
- München, wo ich aufwuchs und meine Eltern zwei Mal über längere Zeiträume lebten: zuerst sechs und dann vier Jahre lang.
- Pula, wo meine Eltern regelmäßig die Hälfte des Jahres verbringen.
- Sarajewo, wo ich geboren wurde.
- Berlin, wo ich jetzt lebe.
Der brutale atmosphärische Bruch in der Abfolge der Landschaften auf dieser Strecke ist so aussagestark, dass sich jeder direkte Kommentar oder eine Erklärung über den Krieg, der sich im ehemaligen Jugoslawien ereignete, erübrigt. Der visuelle Eindruck sagt mehr als jede Erklärung: Am Anfang stehen der Glamour und die Eleganz der „Lichterstadt“ Paris und am Ende die kriegszerstörten, von Minen übersäten ländlichen Gebiete Bosniens und Herzegowinas.
Ich werde mit Menschen sprechen, die an den genannten Orten wichtig für mich waren und noch sind.
Sie sollen einen von mir verfassten Text vor laufender Kamera vorlesen. Dieser Text wird meine Erinnerungen an sie beschreiben. Ich will dabei ihre Emotionen auf ihren Gesichtern einfangen. Anschließend werde ich mit ihnen über gemeinsame Erinnerungen sprechen.
Mein Kommentar wird den Film begleiten.
Unterwegs werde ich auch mit Personen, die ich zufällig treffe, sprechen und sie über ihre Meinungen zu Politik, gesellschaftlichen Veränderungen, Kommunismus, Kapitalismus und Europas Grenzen befragen.
Ich werde ein theatralisches Element benutzen: Ein Migrantenchor wird an Bruchstellen des Films meine Verse rezitieren.
Der Film wird ausserdem dokumentarisches Material aus meinem Leben enthalten: Videobänder, Fotografien und Briefe. |